Die Landschaftsfotografie stellt – insbesondere im Südwesten – spezielle Anforderungen an den Fotografen. Mit ein bisschen Hintergrund-Wissen schafft es auch der durchschnittlich geübte Foto-Amateur, qualitativ hochwertige Bilder zu schiessen.
Der Südwesten beeindruckt in erster Linie durch imposante Landschaften. Gewaltige Canyons wechseln sich mit schier unendlichen Ebenen ab, die von Vulkanen oder einzelnen Buttes durchsetzt wie nicht von dieser Welt wirken. Die Natur begeistert durch Saguaro-Kakteen, unendliche Wälder oder Wüsten, oder durch Bison-Herden oder die allgegenwärtigen Squirrels.
Und das alles soll man auf Film bzw. Chipkarte bannen können? Ja man kann, ein bisschen Know-How vorausgesetzt. Ausgerüstet mit der richtigen Kamera kann es losgehen. Die hier vorgestellten Tipps und Tricks können mit allen Arten von Ausrüstung angewendet werden, vorausgesetzt, es lassen sich manuelle Einstellungen vornehmen, und man weiss ein wenig, was man tut.
Der richtige Zeitpunkt
Wohl das wichtigste Kriterium für ein tolles Bild ist durch den ambitionierten Amateur kaum zu steuern: Der richtige Zeitpunkt und das Wetter.
Gerade im Südwesten zeigt es sich, dass der beste Zeitpunkt für die Fotografie die Golden Hour ist, also die Stunde kurz nach Sonnenaufgang oder kurz bevor Sonnenuntergang. Dann ist das Licht röter und weicher als tagsüber, was besonders den Rot- und Gelbtönen der Sandsteinklippen und Canyons eine unglaubliche Magie verleiht.
Deshalb sollte man entsprechend planen, dass man an den Highlights entweder frühmorgens oder spätabends sein kann – im Monument Valley oder am Delicate Arch im Archer National Park beinahe ein Muss. Leider wissen das auch viele Andere, so dass gerade bei den touristischen Highlights während der Golden Hour ein ziemlicher Andrang herrscht. Also früh genug erscheinen.
Während der Mittagszeit ist das Licht bei Sonnenschein meist viel zu kontrastreich und zu hell, so dass kaum gute Aufnahmen entstehen können. Eine Ausnahme hierzu sind tiefe Canyons und enge Schluchten, wie etwa der Antilope Canyon, die sonst kaum Sonnenlicht erreichen kann.
Den Südwesten stellt man sich immer wolkenlos vor, und in der Tat, es lassen sich so auch schöne Bilder erzielen. Steht man aber am Rande eines Canyons oder vor einer endlos erscheinenden Hochebene und es hat Wolken, kann man die so einsetzen, um die Weite zu verdeutlichen: Mehr Himmel ist mehr Dramatik, insbesondere in New Mexico, das durch tolles Fotografie-Licht und unglaubliche, tiefblaue Himmel besticht.
Cinemascope
Man könnte meinen, Breitbild sei für den Südwesten erfunden worden (was es teilweise auch ist). Die unendlichen Weiten des Westens lassen sich am Besten mit einem weitwinkligen Objektiv einfangen. Um die Weiten richtig gut zu erfassen, ist ein sehr weitwinkliges Objekt dienlich; 18mm kleinbild-äquivalent ist so etwa das Weiteste, was sinnvoll ist, darunter macht es irgendwann keinen Sinn mehr, da das Verhältnis von Landschaft zu Himmel nicht mehr stimmt, ausser man hätte eindrückliche Wolkenformationen.
Meistens habe ich ein 28mm (kleinbild-äquivalent) Zeiss Distagon dabei, das für Full-Frame-Aufnahmen ausreicht; daneben ist oft noch ein 18mm – 40mm Objektiv in der Tasche.
Normalbrennweiten um die 50 mm werden eher selten gebraucht, allenfalls für Häuser oder Pflanzen; auf meinen Reisen ist meist etwas Weitwinkliges auf der Kamera, das meist nur von einem Teleobjektiv abgelöst wird.
Ein Teleobjektiv ist äusserst vielseitig und auch in der Landschaftsfotografie nicht wegzudenken: gerade im Südwesten lohnt es sich oft, auch mal durch ein Teleobjektiv zu schauen: Die verkürzte Darstellung von Weiten lässt etwa Bergketten kompakt, oder Wolkentürme hinter fernen Gipfeln gigantisch erscheinen.
Für meine Full-Frame-Kamera Canon 6D (kleinbild-äquialent) habe ich jeweils folgende Objektive dabei:
- 28mm Zeiss Distagon: ein schönes, weitwinkliges Objektiv, das wie für den Südwesten gemacht ist. Schön scharf, und genau die richtige Optik für Hochebenen und Canyons. Bleibt meist immer auf der Kamera. Zudem ist es lichtstark genug, um auch mal die Milchstrasse mit Sternenhimmel ablichten zu können.
- Canon 18mm bis 40mm: ein Allerweltsweitwinkel, für den Südwesten hervorragend geeignet aufgrund der flexiblen Brennweite: Fast alles, was man braucht.
- Zeiss 50mm Planar: Ein kleines Normalobjektiv, das ich aber auf meinen Reisen relativ wenig brauche; müsste ich auf eins verzichten, würde ich das zu Hause lassen, und die 40mm Brennweite des Canon 18mm – 40mm verwenden.
- Canon 70mm – 200mm Teleobjektiv: Ein lichtstarkes Teleobjektiv, das den ganzen Bereich abdeckt, um sowohl einen Berggipfel, einen herzigen Squirrel am Strassenrand oder einen Bison auf der Weide abbilden zu können.
Damit habe ich alle wesentlichen Bereiche abgedeckt; natürlich können für andere Kamerasysteme auch andere Objektive verwendet werden.
Was mich am meisten überrascht hat: das Normalobjektiv mit 50mm Brennweite brauch ich praktisch nicht, und könnte es auch daheim lassen,
Blende, Verschlusszeit und Stativ
Jedem Hobby-Fotograf sollte das Zusammenspiel zwischen Blende und Verschlusszeit klar sein: Öffne ich die Blende um eine Stufe (einen F-Stopp), kann ich die Verschlusszeit um eine Stufe verkürzen. Also entsprechen beispielsweise eine 1/30-Sekunde bei Blende f/11 entspricht einer 1/60-Sekunde bei Blende f/8.
Hat man dies begriffen und weiss, wie man etwa korrekt belichten muss (die Belichtungsmesser in den heutigen Kameras leisten gute Dienste), kann man die Blende für die Bildgestaltung verwenden:
Möchte man ein Porträt seiner/s Liebsten vor dem Grand Canyon machen, möchte man den Canyon leicht unscharf haben, damit er nicht zu stark vom Subjekt (der/s Liebsten) ablenkt, und deshalb mit einer grossen Blende arbeiten (f/2 bis f/5.6) – dabei jedoch im Blick haben, dass die Schärfe auf dem Subjekt liegen soll.
Möchte man einen Squirrel, einen Adler oder einen Bären (immer auf ausreichende Distanz achten!) im Teleobjektiv festhalten, sollte man eine Blende wählen, die eine schnelle Verschlusszeit (am besten unter 1/250) erlaubt, ohne zu gross zu werden, da sonst das Risiko der Unschärfe zu gross wird. Also irgendwo zwischen f/5.6 und f16, und die Verschlusszeit nicht unter 1/250 sinken lassen.
Möchte man ein typisches Landschaftsbild machen, sollte die Blende grundsätzlich so klein wie möglich eingestellt werden, um eine möglichst hohe Schärfe zu erreichen – die Schärfe ist das Wesentliche bei einem Landschaftsbild. Ist es unscharf, ist alles verloren, wie gut das Licht und der Bildausschnitt und alles andere gewesen wäre.
Um eine möglichst hohe Schärfe zu erreichen, sollte man eine möglichst kleine Blende verwenden. Dabei verwenden wir optimalerweise die zweitkleinste Blende, die das Objektiv zulässt – irgendwo im Bereich von f/16 oder /f22. Weshalb nicht die kleinste? Aufgrund von Diffraktion, also der Beugung von Licht an der Blende, würde die kleinste Blende wieder zu Unschärfe führen – deshalb sind die meisten Objektive bei der zweitkleinsten Blendeneinstellung am Schärftsten.
Da die Landschaft ja nicht wegrennt (= Bewegungsunschärfe erzeugt), ist die Belichtungszeit zweitrangig. Mit einem Weitwinkelobjektiv kann im Normalfall auch noch eine 1/60-Sekunde von Hand gehalten werden, ohne dass ein Stativ verwendet werden muss.
Apropos Stativ: Ein Stativ ist deshalb meist nicht vonnöten, da es im Südwesten auch während der Golden Hour hell genug sein sollte, dass man auch mit kleiner Blende aus der Hand fotografieren kann. Nur in Spezialfällen – etwa dem Sonnenaufgang im Monument Valley – wird ein Stativ benötigt; dann ist ein kleines Tisch-Stativ oder noch besser ein Gorilla-Pop zu empfehlen: eine Flache Oberfläche für das Kleinstativ findet man immer.
Hat man kein Stativ zur Hand, die Blende geschlossen aber die Verschlusszeit ist zu lang, um aus der Hand zu fotografieren, kann man immer noch die Lichtempfindlichkeit hochsetzen, also den ISO-Wert erhöhen: Ein höherer ISO-Wert ermöglicht kleinere Verschlusszeiten. Man sollte aber darauf achten, dass ein höherer ISO-Wert zu mehr Bildrauschen führt. Über 800 ISO oder bei neueren Kameras maximal 1600 ISO sollte man nicht gehen.
Die Unendlichkeit im Fokus
Wie obenstehend bereits erläutert, ist die Schärfe wesentlich in der Landschaftsfotografie, deshalb wollen wir auch eine möglichst kleine Blende verwenden, denn diese bietet die grösste Schärfentiefe, sorgt also für einen möglichst grossen Bereich zwischen Kamera und Horizont, der scharf dargestellt wird.
Es hat sich eingebürgert, dass es besser ist, wenn der Vordergrund unscharf ist, als der Horizont (die “Unendlichkeit”). Was heisst das für den Fokus?
Fokus auf die Unendlichkeit! So machen es die Kameras mit Autofokus, wenn man den Horizont anvisiert.
Ähm nein, es geht besser. Fokussiert man nämlich auf den Horizont, also die Unendlichkeit, dann setzt man den Horizont in die Mitte des scharfen Bereichs. Vor und hinter dem Horizont wird also ein gleich grosser Bereich scharf abgebildet. Da aber hinter dem Horizont (aus unserer Sicht als Fotograf) nichts mehr ist, hat man die Hälfte des Schärfentiefenbereichs verloren.
Das wollen wir nicht. Deshalb versuchen wir, den Horizont (das Unendliche) durch manuelles Fokussieren auf den hinteren Rand des Schärfebereichs zu legen, um möglichst den ganzen Schärfetiefenbereich für das Bild zur Verfügung zu haben.
Gute Objektive haben eine Skala für den Schärfenbereich der entsprechenden Blende (siehe Abbildung). Wir setzen nun manuell den Fokus so, dass die Unendlichkeit auf den rechten Rand des Schärfebereichs der entsprechenden Blendenöffnung zu liegen kommt. Wenn wir also Blende f/16 verwenden, legen wir “Unendlich” auf den rechten Rand des Schärfebereichs für f/16. So erreichen wir eine maximale Schärfentiefe für unser Bild.
Hat das Objektiv keine Schärfentiefeskala, nützt nur Ausprobieren. Als Faustregel kann ein Punkt irgendwo zwischen der Mitte oder zwei Drittel Abstand zwischen der Kamera und dem Horizont fokussiert werden. Das Resultat kann entweder gerade mit Live View oder einem gemachten Bild und entsprechender Vergrösserung überprüft werden – ist der Horizont noch scharf?
Filter
Filter sind heute nicht mehr so wichtig wie zu Zeiten der Analog-Fotografie: Damals hatte jeder einen Skylight-Filter auf seinen Objektiven.
Filter können auch heute, vor allem auf Reisen, noch Sinn machen: Ein Skylight-Filter kostet nicht viel, schadet kaum was (er filtert Spiegelungen des Himmels heraus, die Schatten bläulich erscheinen lassen), und schützt die teuren Objektive vor Kratzern. Alleine aus diesem Grund sind Skylight-Filter interessant.
Daneben könnte man sich überlegen, Polarisationsfilter zu verwenden. Sie entfernen das Streulicht, so dass ein viel zu heller Himmel knallblau erscheint, oder störende Spiegelungen entfernt werden können.
Der Einsatz eines Polarisationsfilters macht bei den heutigen Bildbearbeitungsmöglichkeiten nur noch in Spezialfällen Sinn, beispielsweise bei der Fotografie durch Fensterscheiben (Heliflug, aus dem Zug) hindurch.
Der Profi hat auch heute noch immer ND-Filter dabei, die es ihm erlauben, die Verschlusszeit zu verlängern, und so auch grössere Blenden einzusetzen, wie es ohne möglich wäre.
ND-Verlaufsfilter setzt der Profi ein, um bestimmte Bildbereiche, etwa den Himmel, abzudunkeln, um so ein einheitlicheres Bild zu erhalten. Heutzutage ist es aber einfacher, dies im Nachhinein im Bildbearbeitungsprogramme zu korrigieren.
Mach das Beste daraus
Wie professionell man auch immer die Fotografie angehen möchte, ein Tipp sollte immer befolgt werden: Insbesondere bei unsicheren Verhältnissen das Ergebnis sofort überprüfen – hey, für etwas wurde die Digitalfotografie ja erfunden – und lieber etwas mehr ausprobieren und einmal zu viel abzudrücken als einmal zu wenig – ein Digitalbild kostet nix im Vergleich dazu, wenn man nochmals an den Ort des Bildes zurückkehren müsste.
Trotzdem: Auch wenn die Fotografie im Südwesten spannend ist und man kaum neben dem Sucher durchschauen möchte: Mach genau das zwischendurch, und geniesse die Stimmung, die Bilder mit eigenen Augen. Denn das werden die schönsten Erinnerungen bleiben.
Im nächsten Teil werden wir die Visualisierung genauer anschauen, also die Bildgestaltung.