Dieser Artikel richtet sich an den Liebhaber gepflegter nuklearer Explosionen, für den es im Südwesten der USA eine erstaunliche Menge zu sehen gibt – und noch viel mehr nicht zu sehen gibt.
Wie heutzutage jedes Kind weiss (oder zumindest wissen sollte, aber das ist eine andere Geschichte) wurde der zweite Weltkrieg mit zwei bombastischen Paukenschlägen beendet: Die Atombomben-Abwürfe auf Nagasaki und Hiroshima. Darauf folgte ein nukleares Wettrüsten zwischen den grossen Atommächten im kalten Krieg, der zum Glück nie heiss wurde.
Manhattan in New Mexico
Der Südwesten hat seinen nicht unwesentlichen Teil zum Atombomben-Programm beigetragen. Nicht nur finden sich an den unmöglichsten Orten (beispielsweise direkt am Rim des Grand Canyon) Hinweise auf Uran-Förderung, nein die Forschung war grösstenteils im Südwesten der USA angesiedelt – und ist es heute noch.

Alles begann mit dem Manhattan Project. Im Sommer 1942 wurde in Los Alamos die Site Y erstellt, aus dem schliesslich das Los Alamos National Lab (LANL) entstand, das heute vor allem durch seine (für die Nuklearforschung benötigten) Supercomputer bekannt ist, und an dem auch über das Coronavirus geforscht wird.
Los Alamos ist auch unabhängig von dem National Lab – Zugang für Normalsterbliche nicht erlaubt – einen Besuch wert. Die schmucke Kleinstadt liegt auf einer von tiefen Canyons durchzogenen Hochebene am Rande der Valles Caldera, eines erloschenen Vulkans.

Heute noch kann man die Überreste des Manhattan Project bestaunen; die von den führenden Wissenschaftlern wie Roy Oppenheimer bewohnten Häuser der Bathtub Row sowie die Fuller Lodge stehen teilweise heute noch, sind aber im Privatbesitz. Ein kleiner Park zeugt von der Vergangenheit des Ortes, und man erfreut sich lieber an den heutigen Rosen-Bepfanzungen als an Atombombenforschung.
Alles über Atombombenforschung gibt es im hervorragenden Bradbury Science Museum zu erfahren. Der Eintritt in das vom LANL geführte Museum ist kostenlos, und neben Replikas der dort entwickelten Bomben wird auch durchaus (etwas) kritisch auf die Geschichte und die daraus entstehenden Konsequenzen eingeladen.

Wenn man Glück hat, wird auch eine Bustour angeboten, die die wesentlichen Points of Interest von Los Alamos und der Manhattan-Geschichte abfährt. Ich war damals alleine auf der Tour, und die Fahrerin, Gattin eines Atombomben-Ingenieurs, und ich führten interessante Gespräche, und die Tour dauerte dann plötzlich eine Stunde länger als geplant, inklusive Abstecher in das LANL. Eine ganz andere Welt.
Trinity Site, New Mexico
Gezündet wurde die erste Test-Explosion an der Trinity Site, in der passend benannten Jornada del Muerto (“Wegstrecke des Toten”), einem abflusslosen Wüstental zwischen Rio Grande und den San Andres Mountains.

Wenn man von Süden her kommend den White Sands National Park hinter sich lässt und an Alamogordo vorbei auf der US-70 nordwärts und anschliessend auf der US-380 ostwärts fährt, kommt man am Valley of Fires vorbei (interessante Aussicht und Spaziergang durch Lavafelder). Fährt man der US-380 entlang weiter ostwärts, kommt man relativ nahe nördlich der Trinity Site vorbei – ein kleiner Historical Marker an der Strasse zeigt die Richtung.
Verständlicherweise ist der Zugang zur Trinity Site nicht möglich, ausser gegen Voranmeldung einmal im Jahr.
National Atomic Museum in Albuquerque
Das National Atomic Museum, pardon das umbenannte National Museum of Nuclear Science and History am Rande der Kirtland Air Force Base im Süden Albuquerques gelegen (Vorsicht: Aus Versehen fährt man schnell vor einen Eingang der Base), ist das wohl umfassendste Museum, das nuklearen Detonationen gewidmet ist.

Noch unter altem Namen waren mehr oder weniger kommentarlos Atombomben aller Arten und Grössen (die kleinste wiegt nur wenige Kilos) ausgestellt, Attrappen und Originale gleichermassen.
Heutzutage an neuem Standort und mit neuem Namen wird auch auf andere Gebiete der nuklearen Forschung eingegangen (Energie, Medizin), und mehr Gewicht der Geschichte der Forschung gegeben. Wer Atombomben mag, kommt aber dennoch nicht zu kurz.

Gerade eben der unkomplizierte Umgang mit dem Thema und die aussergewöhnliche Anzahl atomarer Sprengkörper lassen das Museum so eindrücklich erscheinen.
Im Aussenbereich sind noch einige Trägersysteme inklusive einer B-52 zu sehen – man muss das Ding gesehen haben um zu verstehen, wie gross es tatsächlich ist. Womit wir beim nächsten Thema wären: Trägersysteme.
Titan Missile Museum
Szenenwechsel: Tucson, AZ. Dort befindet sich unter anderem das Pima Air and Space Museum, eine hervorragende Kollektion von (militärischen) Flugzeugen und Raketen aller Art; darum soll es hier aber nicht gehen.
Etwas weiter südlich an der Interstate 19, schon fast in Mexico, befindet sich zwischen Sahuarita und Green Valley in einem unscheinbaren Wohngebiet das Titan Missile Museum.
Das Museum, das nur mittels Touren besichtigt werden kann, besteht aus dem einzigen noch vorhandenen unterirdischen Startkomplex für eine Titan-II-Atomrakete, vollständig mit Kontrollbunkern, unterirdischen Wohngelegenheiten und Raketensilo inklusive Rakete.
Die Tour ist etwas vom Spektakulärsten, was man sehen kann – man fühlt sich in Filme wie “Wargames” zurück versetzt – oder “Star Trek: First Contact”, für den die Rakete Zephram Cochranes Raumschiff “Phoenix” spielen durfte.

Kein Spiel hingegen ist es, wenn auf der Führung durch den Kontrollraum plötzlich der Abschuss-Befehl reinkommt und du einen der beiden Schlüssel in den Händen hältst…
Eindrücklich. Sehenswert.
MinuteMAN Missile National Historic Site
Es geht auch eine Spur moderner. In Wyoming, Montana und North Dakota sind Abschuss-silos für 450 Minuteman-III-Raketen immer noch in Alarmbereitschaft.

Die Minuteman-II-Stellungen wurden allen ausser Betrieb genommen. Alle? Nein! Eine einzige Stellung ist noch vorhanden, und zwar in der Minuteman Missile National Historic Site entlang der Interstate 90 in South Dakota.
Ein Visitor Center enthält ein kleines Museum, in dem auch ein entsprechender Film gezeigt wird. Unweit davon befindet sich der unterirdische Kommando- und Kontrollbunker (im Gegensatz zu der Titan II hatte nicht jeder Silo einen eigenen Kommandobunker).

Als ich dort war, waren alle Touren des Tages leider schon ausgebucht. Im Visitor Center wurde mir allerdings eine Beschreibung mitgegeben, wie ich einen Missile Silo direkt neben einer Ausfahrt an der Interstate 90 finden würde, komplett mit Rakete, und den auf eigene Faust erkunden könne.
Und das war schon speziell: man fährt von der Strasse ab, und steht plötzlich vor einer Rakete im Boden. Ganz alleine in der Prärie.
Nevada National Security Test Site
In Las Vegas, in unmittelbarer Nähe des berühmten Strip, befindet sich das National Atomic Testing Museum, das sich dem Testen von Atombomben, bzw. dem Berichten darüber, verschrieben hat.
Ich persönlich habe das Museum noch nie besucht; es ist aber auf der Liste der Museen, die einen Besuch wert sind.
Es beschreibt die Geschehnisse auf der Nevada National Security Test Site, wo über Jahrzehnte Testexplosionen über- und unterirdisch durchgeführt wurden.
Einmal im Monat bietet die NNST Bustouren durch die Test Site an, die natürlich sofort nach Veröffentlichung ausgebucht sind. Dies ist die einzige Möglichkeit, all die Krater auf legale Weise ohne Konsequenzen anzusehen.
Mit Ausnahme von Google Maps, versteht sich.
Und wenn wir schon dabei sind: 37.237915, -115.812300